TAGESSPIEGEL 18/03/13


«Verwaiste Räume», par Björn Rosen (extrait)

Sarah Hildebrand, Jahrgang 1978, ist in Genf großgeworden, Französisch ist ihre Muttersprache, Deutschland seit dem Kunststudium in Hamburg ihre Wahlheimat. Die Schweiz, sagt sie, sei ihr zu klein und zu eng, und das Leben in der Fremde biete sowieso mehr Freiheit. Das beginne schon bei der Sprache. „Wenn ich Deutsch spreche, wähle ich die Worte aus wie Produkte im Supermarkt, sie stammen nicht aus meiner Familie oder meiner Kultur“, erzählt sie mit unverkennbar französischem Akzent. „Ich mache zwar mehr Fehler, aber für die kann ich mich dann einfach entschuldigen.“

Hildebrand zeichnet und schreibt auch, gerade hat sie ein Buch mit kurzen Texten und Skizzen veröffentlicht, das den Titel „Chez soi / Zuhause“ trägt und bei art&fiction erschienen ist. Darin sinniert sie über „flüchtige Häuser“ („Ich habe eine Faszination für Hütten in Bäumen, in Wäldern, in Gärten“), erzählt von einem Studentenjob („Kurze Zeit nach meiner Entlassung ging die Hausverwaltung Bankrott. Mein ehemaliger Chef war mit der Kasse nach Argentinien geflohen. Dort baute er sich ein neues Haus“) oder davon, wie eine Freundin eine scheinbar wunderbare Ruine in Frankreich restaurierte („Ein paar Tage nach ihrem Einzug sprach sie mit einem alten Mann aus dem Dorf. Er erzählte vom Zweiten Weltkrieg. Sie erfuhr, dass ihr neues Zuhause als Gefängnis und Folterort gedient hatte“).

Dass das Thema Zuhause für Hildebrand eine große Rolle spielt, hängt wohl damit zusammen, dass es sie so stark in die Fremde zieht. Bei gelegentlichen Besuchen in Genf wollen sich trotzdem keine richtigen Heimatgefühle einstellen. „Ich frage mich seit Jahren, was es heißt, zu Hause zu sein“, sagt sie.